
Exklusive Leseprobe zum Gasthof am Ende der Welt
Inspiriert von lange laufenden DnD und DSA Kampagnen - Ein in sich abgeschlossener Roman
Folgt den Helden wider Willen in eine fantastische Welt voller Abenteuer, Gefahren, Heldentaten und absurden Begebenheiten.
Der Gasthof am Ende der Welt verbindet Epic Fantasy mit liebenswerten Charakteren und viel schrägem Humor in einem abgeschlossenen Roman.
Sichert euch euer Exemplar der Sonderedition vom Gasthof am Ende der Welt. Mit Illustrationen von Sameena Jehanzeb, Justine Barthel, Mishan Modal und Anna Kolishchuk. Dazu gibt es exklusive Kampagnengoodies.
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Accidental Heroes - Helden wider Willen - ein Tatsachenbericht (in gewisser Weise)
Willkommen in Ranturos. Einem fantastischen Land, in dem alles möglich scheint und meistens auch ist. Denn das Westreich ist auf ganz besonderes Weise entstanden. Der Großteil der Abenteuer, die Ihr zwischen diesen Buchdeckeln findet, sind so passiert.
Denn sie basieren auf den Ereignissen und Erlebnissen von zwei Pen and Paper Gruppen. Eine davon wandert seit bald fünf Jahren durch verschiedenste DnD-Abenteuer, während die andere vor drei Jahren damit begonnen hat, die Welt von DSA zu erkunden. Nichts kann sie aufhalten und kein Lösungsweg ist Ihnen zu skurril oder abwegig. Hauptsache, es macht Spaß. Und genau das war es, dass mich dazu animiert hat, diese Erlebnisse nieder zu schreiben.
Somit ist der Gasthof am Ende der Welt, zumindest in Teilen, ein Tatsachenbericht. Eine Wiedergabe vieler absurder, witziger und spannender Entscheidungen. In einer völlig neuen Welt. Denn die fünf Reiche werden Euch überraschen.
Mit dem Gasthof am Ende der Welt setzt ihr den ersten Schritt in eine neue Welt voller unfreiwilliger Helden, schräger Charaktere und absurder Abenteuer. Epic Fantasy trifft auf absurde Entscheidungen und gewaltige Abenteuer.
Der Roman erzählt die komplette und in sich abgeschlossene Geschichte von drei ganz besonderen Abenteurern.
Lythande - Eine Kriegerin, die Frieden sucht.
Tenpenny - Eine Kurierin, deren innigster Wunsch große Abenteuer sind.
Azadius - Ein alternder Elementarmagier mit mangelnder Praxis.
Drei unfreiwillige Helden, die das Schicksal - und eine regnerische Nacht - zusammenführt.
Sie alle finden im Gasthof am Ende der Welt zusammen. Zuflucht, Sammelbecken und Neuanfang für all jene, denen das Schicksal - oder ihre mangelnde Selbstbeherrschung – immer wieder Steine in den Weg legt. Hier findet jeder ein Zuhause. Und manchmal auch Aufgaben, die alles davor wie einen Ponyhof erscheinen lassen.
Denn was tut man, wenn mitten im andauernden Zwielicht der dunklen Tage zwei Dörfer von bösartigen Monstern überfallen und alle Kinder entführt werden? Wegschauen? Weitertrinken? Oder seine sieben Sachen packen und das tun, was nur echte Helden können?
Nur eines ist sicher: Wenn du den Gasthof am Ende der Welt betrittst, hat dein Abenteuer erst begonnen.
Kapitel 5 - Schleimgebräu und Hühnersuppe
Der Raum, den ihr das seltsame Duo zugewiesen hatte, übertraf alles, worin sie die letzten Monate verbracht hatte. Lythande hatte überall geschlafen. In Zelten, unter und in Baumstümpfen, in Höhlen, hinter Wasserfällen und manchmal auch unter freiem Himmel. Selten, viel zu selten, wie sie sich eingestand, auch einmal in festen Unterkünften. Wobei windschiefe und mittelmäßig wetterdichte Schuppen schon das Höchste der Gefühle dargestellt hatten. Ein Zimmer in einem Gasthof? Das hatte sie seit ihrer Flucht aus Laghairt nicht gewagt.
Gästehäuser waren Orte der Zusammenkunft. Für Einheimische und Wandernde. Für Kuriere genauso wie Soldaten. Wer dort einkehrte, durfte nicht erwarten, versteckt zu bleiben. Nichts erfreute müde Reisende und erschöpfte Ortsansässige so sehr wie Klatsch und Tratsch. Und eine Dunkelelfin stach nun mal überall hervor. Sich mit beinahe zwei Metern Größe und wacholdergrüner Haut zu verstecken, gelang kaum jemandem. Schon gar nicht, wenn man Rüstung, Schild und Schwert trug. Aber was sollte sie sonst tun, war das, was sie am Körper trug, doch im Ernstfall das Einzige, was ihr Überleben sichern konnte?
Und jetzt war sie hier.
In einer heimeligen Kammer, unter den Dachgiebeln eines Gasthofes, der völlig unmotiviert mitten im Vargenforst stand. Weder ihr brummender Schädel, der sich anfühlte, als hätte sich ein Schwarm Hornissen darin angesiedelt, noch der pochende Arm trugen irgendetwas dazu bei, sie von der Seltsamkeit des Hauses abzulenken. Ein Wirtshaus, mitten im Wald. Ohne Anschluss an Straßen, Wege oder einen Fluss. Wer bei klarem Verstand baute so etwas?
Einem kurzen Klopfen folgte das leise Knarzen der schweren Holztür, die sich aufschob. Im selben Augenblick drangen die Geräusche der Gaststube herein. Gedämpft und fern. Lythandes Kammer befand sich im dritten Stock des selbst für Städte wie Valstadt oder Laghairt überdimensionierten Baus. Was hatte sich der Wirt dabei gedacht? Andererseits ließen die heraufdringenden Klänge und Töne darauf schließen, dass es nicht an Gästen zu mangeln schien.
»Da unten steppt wohl der Bär«, presste Lythande hervor, der jede Bewegung - selbst die ihrer Lippen - Schmerzen zufügte. Wenn auch bei Weitem nicht so stark wie jene in ihrem Arm.
Die Justik, die nun weitaus sittlichere und trockene Kleidung trug, stand im Türrahmen, in ihren Armen ein Tablett mit einer dampfenden Schüssel, einem Tonkrug und einem Becher. Sie wirkte jung. Viel zu jung sogar, um hier zu sein.
»Seit wann lassen Justik ihre Jünglinge alleine in die Welt?«, fragte Lythande. Wieder einmal war ihr Mund schneller als ihr Verstand. Meist tendierten ihre Arme und Beine dazu, ihre Überlegungen zu überholen. Aber ihre Lippen gaben ihr Bestes, den Gliedmaßen in nichts nachzustehen.
Die Frau, die Lythande gerade mal bis zur Hüfte reichen konnte, blieb ruhig. Einzig ihre Augen verrieten, dass sie mit ihren Worten einen wunden Punkt traf. »Höflichkeit scheint nicht deine Stärke zu sein.«
Zumindest war sie nicht auf den Mund gefallen. Lythande versuchte sich an einem Lächeln, das den Hornissenschwarm in ihrem Kopf zu einer trommelnden Horde Dvärga anschwellen ließ. Der Raum um sie herum schien sich plötzlich zu drehen, und alles, was sie noch herausbrachte, war ein gurgelndes »Urgh!«
Lythande konnte auf nichts mehr fokussieren, die Welt vor ihren Augen verschwamm. Zum Glück lag sie im weichen Bettzeug, sodass sie nicht befürchten musste, umzukippen. Andererseits wurde ihr im selben Augenblick übel, und der Gedanke daran, sich in die blütenweiße Wäsche zu übergeben, stimmte sich auch nicht gerade fröhlich.
»Na, du solltest es wohl besser nicht übertreiben«, hörte sie die Justik, die sie noch nicht einmal nach ihrem Namen gefragt hatte. Draußen, im Wald, war Lythande, kaum dass sie die beiden angesprochen hatte, wieder in einen Dämmerschlaf gefallen. Nicht so tief, dass sie nichts mitbekam, aber zu tief für Details. Über irgendetwas waren sich ihre beiden Retter - so sie es denn waren - nicht einig geworden.
Ob über das weitere Vorgehen oder darüber, dass der Syvent seine Blicke offenbar nicht vom voluminösen Ausschnitt der Justik lösen konnte, hatte sich Lythande nicht erschlossen. Irgendwie schien ihr der Übergang zwischen dem einen und dem anderen Thema fließend. Irgendwann war dann eine dritte Stimme dazugekommen.
Laut, durchdringend und kurz angebunden. In ihrem halbwachen Zustand war es Lythande erschienen, als hätte die dritte Person immer nur ein Wort gesagt. Wieder und wieder. Egal, worum es ging. Auf jeden Fall war sie von kräftigen Händen aufgehoben und getragen worden. Dass ihr Kopf dabei zweimal gegen einen Türbalken geknallt war, hatte zu ihrem Allgemeinbefinden wenig Positives beigetragen. Aber eine Beule mehr oder weniger erschien ihr zu dem Zeitpunkt als ihr geringstes Problem, jagte doch jede Bewegung ihres herunterhängenden Armes so gewaltige Schmerzlanzen durch ihren Körper, dass sie die Einschläge ihrer Stirn im Holz fast wie Streicheleinheiten wahrnahm. Abgesehen davon hatte sie in ihrem Leben schon Schlimmeres erlebt.
Erst jetzt bemerkte Lythande, dass die Justik zwischenzeitlich an ihr Bett getreten war. Aus der Nähe erkannte Lythande eine kreisrunde Narbe an ihrer rechten Wange, ungefähr so dick wie zwei Finger, wulstig und kantig, so als wäre die zugrundeliegende Wunde nie richtig behandelt worden. So etwas kannte Lythande. Von sich selbst und vielen anderen Kriegern. Aber bei einer Kellnerin? Ein Rätsel, aber bei Weitem nicht so wichtig, dass sie es jetzt hinterfragen wollte.
Das Tablett musste die Justik unbemerkt am kleinen Nachttisch abgestellt haben, denn sie hantierte soeben mit Krug und Becher. Aus Ersterem floss eine zähe, gelblich-grüne Flüssigkeit, die Lythande unangenehm an die schleimige Absonderung einer Hrhdiakspinne erinnerte. Nur, dass sich darin auch noch kleine Bröckchen zu befinden schienen, die nicht dazu angetan waren, ihr Vertrauen in das Gebräu zu steigern.
»Was ist das?« Selbst in ihren eigenen Ohren klang ihre Stimme kratzig und wie aus weiter Ferne.
»Azadius meint, das solltest du trinken, bevor er zu dir kommt, um sich um deinen Arm zu kümmern.«
»Äh … das ist nicht wirklich eine Antwort auf meine Frage.«
Die Justik setzte den Krug ab und zuckte mit den Schultern. »Was weiß ich denn? Was den alten Sack angeht, habe ich gelernt, nicht zu viele Fragen zu stellen. Das meiste, was aus ihm rauskommt, ist unsinniges Gebrabbel oder Dinge, die du nicht wissen willst. Und sehr oft beides zusammen.«
»Hä?«
»Er spricht gerne über sich selbst.«
»Ah ja.« Eine Eigenschaft, die, so Lythandes Erfahrung, viel zu viele angeblich intelligente Lebewesen mit sich brachten. Sie redeten, ohne etwas zu sagen. Und das meist gerne, lange und unzusammenhängend über sich selbst. »Ich bin ja eher aus dem Lager erst handeln, dann sprechen.«
Die Justik lächelte. »Auch eine Herangehensweise. Lass mich raten. Die hat dich in deine missliche Lage gebracht?«
Lythande seufzte. »Ja. Das und eine lange, spitze Klinge.«
Ihr Gegenüber kniff die Augen zusammen. »Wie genau hat dich eine Klinge den Abhang runterrodeln lassen?«
»Ach, das meinst du.« Lythande musste erkennen, dass ihr Hirn offensichtlich nicht ganz auf Hochtouren arbeitete. Was wohl auch den weiterhin in ihrem Kopf marodierenden Dvärga zuzuschreiben war. »Nein. Das war einfach nur die Folge der Erkenntnis, dass Blitze bei Dämmerungssicht nicht weiterhelfen.«
»Jetzt bin ich verwirrt.«
»Ich kann im Stockdunkeln nichts sehen und habe nicht mitbekommen, dass ich auf einen Abgrund zugegangen bin.«
»Ups.«
»Aua!«, gab Lythande zurück und deutete mit ihrem gesunden Arm auf den anderen, der in eher ungewöhnlicher Art und Weise neben ihr am Bett gelagert war.
Durch den Spalt der offenstehenden Tür drang ein lautes, kehliges »KaputT!«
Lythande hob eine Augenbraue, was sie sofort bereute. Denn nun spielten die Dvärga Polka in ihrem Kopf.
Ihr Gesichtsausdruck musste das widerspiegeln, denn die Justik schürzte die Lippen und schüttelte den Kopf. »Du solltest wirklich besser auf dich achtgeben. Es ist ein Wunder, dass du überhaupt mit mir sprechen kannst. Du musst auf deinem Weg herunter mehr Glück als Verstand gehabt haben.«
»An Ersterem zweifle ich. Zweiteres haben Dysaal und Yasinda immer in Abrede gestellt.«
»Wer?«
»Lange Geschichte. Und ich rede nicht gerne über mich.«
»Das macht dich sehr sympathisch. Ganz im Unterschied zu Azadius.«
Lythande fand nicht die Kraft in sich, um nachzufragen. Sie wollte nur schlafen. Lange. Ausgiebig. Und am besten, bis sie keine Schmerzen mehr verspürte. Wobei ein neuerlicher Blick zu ihrem mehrfach geknickten Arm Zweifel aufkommen ließ, dass dies so bald zu erwarten war.
»Darum kümmert er sich im Anschluss.«
Die Worte der Justik erinnerten Lythande daran, dass sie etwas ähnliches vorhin erst angesprochen hatte. Es wurde immer schwerer, sich zu konzentrieren. Sie wollte nachfragen, aber noch bevor sie die Lippen öffnete, wanderten ihre Gedanken.
»Zuerst einmal solltest du die Suppe essen«, forderte die Justik wieder ihre Aufmerksamkeit.
»Hab keinen Hunger.«
»Das mag sein, aber der Alte meint, die heiße Brühe wird dir dabei helfen, das andere Gebräu besser unten zu behalten.«
Lythandes Blick wanderte zu dem Becher.
»Genau das«, bestätigte die Justik.
»Und wenn nicht?«
»KaputT!«, drang es wieder durch den Türspalt. Irgendwer musste da draußen mithören. Aber Lythande brachte es nicht zustande, nachzufragen. Allerdings kam ihr die Stimme bekannt vor. Irgendwoher.
Von draußen vernahm Lythande das Knarzen von Bodendielen, und dann schwang die Tür erneut auf. Dieses Mal stand ein hochgewachsener Mann im Türrahmen. Ein Syvent. Die kleinen, gekringelten Hörner an der Stirn ließen keinen anderen Schluss zu. Der graue Bart und die gleichfarbigen, beinahe schon weißen Haare hingegen wiesen darauf hin, dass er nicht mehr der Jüngste sein dürfte. War es derselbe wie draußen? Wie viele Syvent mochte es hier geben? Bisher hatte Lythande in Balturia keinen einzigen zu Gesicht bekommen. Kein Wunder, hielten sich Höhlen und Kavernen in den oft undurchdringlichen Ländern Balturias doch in Grenzen. Außer vielleicht im Gebirge. Aber dorthin war Lythande noch nicht vorgedrungen.
Der Syvent, dessen Umhang schwer über seinen Schultern hing, starrte sie durchdringend an. Für einen Augenblick befürchtete Lythande, er könne bis in ihr tiefstes Inneres blicken, da tauchte hinter ihm im Durchgang eine weitere Gestalt auf. Gut zwei Köpfe größer als der Syvent und mit blasstürkiser Haut. Die Schultern reichten beinahe von einer Seite des Türrahmens zur anderen. Die war Stirn kahl, die Augen leuchtend gelb, und zwei viel zu kurze, schwarze Fangzähne wuchsen aus dem Oberkiefer. Kein Mensch. Das war klar. Aber auch kein Grim, obwohl einiges darauf hinwies.
Kaum, dass der Syvent einen Schritt in den Raum trat, hob der andere den Arm und deutete zu Lythande. »Kapuuutt!«
»Ja«, schnaubte der Syvent. »Dessen sind wir uns auch bewusst.« Dann drehte er sich um und schob die Tür zu. »Rolf, du bleibst draußen. Sorge einfach dafür, dass niemand hereinkommt.«
»Kaputt«, gab der Angesprochene zurück und hieb sich mit der flachen Hand gegen die Schädelseite. In diesem Augenblick erinnerte sich Lythande wieder an den Moment, als sie aufgehoben worden war. Starke, kräftige Arme hatten sie gepackt. Und dann sanft getragen. Sie hatte nur Schemen wahrgenommen. Ein Kopf, der sich zu ihr beugte und leise »Kapuuuutt« in ihr Ohr flüsterte.
Immer wieder dasselbe Wort. Nichts anderes. Bei was für Leuten war sie da gelandet?
»Um auf deine Frage zurückzukommen«, sprach der Syvent, der nun ans Bett trat. »Auf leeren Magen wirst du den Tee binnen kürzester Zeit im Kreis kotzen.«
»Dezent und einfühlsam wie immer«, murmelte die Justik.
»Was bringt herumdrucksen?«, knurrte der Syvent. »Der Sud aus Mottennesseln, Blaugarbe, Stendarswurzel, Kackkraut und einigen Besonderheiten aus meinem Fundus dreht dir nun mal den Magen um, wenn du zuvor nichts gegessen hast.«
»Vermutlich hat er damit recht«, versuchte sich die Justik offenbar daran, Lythande dazu zu motivieren, den Vorschlägen Folge zu leisten. »Das Zeug stinkt schlimmer als ein Topf voll Tomtenkacke. Wenn es auch so schmeckt …«
Der Syvent sah von oben herab auf die Frau und schüttelte den Kopf. »Danke für deine bildliche Darstellung. Wenn ich auch zu bezweifeln wage, dass unsere Patientin dadurch den richtigen Antrieb bekommt, den Trank zu sich zu nehmen.«
»Ach, hab dich nicht so. Ihr Körper zeigt deutlich, dass sie schon ganz anderes durchgestanden hat.«
Erst jetzt bemerkte Lythande, dass sie weder ihre Rüstung noch die Unterkleidung trug. Sie fühlte die weiche Bettdecke direkt über ihre Haut streichen.
»Bin ich nackt?«, presste sie hervor.
»Ja, ja. Und ich habe schon Schlimmeres gesehen«, sprach der Syvent, in dessen Stimme sie einen Unterton vernahm, den sie nicht deuten konnte.
»Ich habe dir gesagt, du sollst es mich alleine machen lassen«, fauchte die Justik. »Ich denke nicht, dass es zu ihrer Entspannung beiträgt, zu wissen, dass ein vertrockneter Dörrapfel wie du ihre nackten Brüste gesehen hat.«
»Und die Narben«, gab der Syvent zurück.
Wieder begann Lythandes Kopf zu schwirren. Ihr Arm, der Schädel und, wenn sie genauer in sich lauschte, ihr ganzer Körper schienen ein Spielplatz für Schmerzen verschiedenster Art zu sein. So etwas hatte sie nicht einmal nach den langen Ausbildungsnächten mit Dhub´ra erlebt. Und die alte Klingenmeisterin hatte nichts von stumpfen Übungswaffen gehalten.
»Macht ihr beide eigentlich irgendwann auch was anderes als streiten?«
»Kapuuuutt!«, dröhnte es durch die Holztür hindurch, was nahelegte, dass diese nicht annähernd so dicht war, wie sie es optisch suggerierte.
»Ja«, antwortete die Justik. »Manchmal laufen wir im Regen herum und retten abgestürzte Schattenelfinnen.«
»Ha, ha, sehr witzig.«
Lythande kniff die Augen zusammen und stellte fest, dass die pochenden Schmerzen dadurch nicht besser wurden. Aber zumindest half es ihr ein wenig dabei, sich zu konzentrieren. »Was bringt mir dieses Kotzgebräu nun?«
Der Syvent räusperte sich. »Im besten Fall lindert es deine Schmerzen, unterstützt deine Heilung und macht dich bewusstlos.«
Lythande riss die Augen wieder auf und tat ihr Bestes, den Syvent anzustarren, ohne dabei den Kopf zu bewegen. »Was verdammt noch mal ist dann der schlimmste Fall, wenn mich das Zeug umhauen kann?«
»Nicht kann, soll«, erwiderte der Syvent. »Aber um deine Frage zu beantworten: Im schlimmsten Fall tut es gar nichts. Oder es bringt dich um. Ich hatte noch nie Gelegenheit, die Mischung an Elfen zu testen.«
»Das sagst du erst jetzt?«, zischte die Justik. »Und dafür bin ich stundenlang im Wald rumgerannt?!«
»Du hattest weitaus bessere Chancen, die Kräuter zu finden. Oder hättest du mich alten Mann alleine hinaus in die Wildnis schicken wollen?«
»Auf einmal bist du wieder ein alter Mann? Aber wenn du schon so fragst, ja, ich hätte dich gerne da rausgeschickt. Hättest ja mal schauen können, was an den Legenden der dunklen Tage dran ist.«
Es ging schon wieder los. Hätte sie sich nicht gefühlt, als hätten gerade eben erst zwei brunftige Parghast ihr Paarungsritual auf ihr vollzogen, wäre sie dazwischen gegangen. So aber brachte Lythande nur eine schwache Frage zustande: »Warum genau hoffst du, dass mich das Zeug umhaut?«
»Hmm«, gab der Syvent zurück. »Ich will versuchen, deinen Arm zu heilen. Aber der Zauber …«
»Ja?«, fragte Lythande.
»Ja?«, bohrte auch die Justik langgezogen nach.
Der Syvent biss sich auf die Lippen. »Wenn ich ganz ehrlich sein soll …«
»Wäre mal eine gute Idee«, zischte die Justik.
»Dann habe ich bisher nur darüber gelesen. Also, ich bin jetzt kein Heiler. Meine Magie setzt eher auf Elemente denn auf Körper. Wenn du verstehst, was ich meine.«
»Ach du Scheiße!«, sagte die Justik. »Kannst du denn eigentlich irgendwas Sinnvolles?«
»Wenn dir kalt wird oder du Pflanzen zum Sprießen bringen willst, dann schon. Auch beim Tauchen könnte ich dir helfen.«
»Na toll. Du bist dir aber schon bewusst, dass sie ein Lebewesen und kein Erdhaufen ist?«
»Das wäre mir bereits aufgefallen.«
Wieder schloss Lythande die Augen und sammelte das letzte bisschen Energie für das, was sie jetzt entscheiden musste. »Ach, scheiß drauf. Wenn es mich umbringt, muss ich euch beiden wenigstens nicht mehr zuhören.«
Damit drehte sie sich ruckartig zur Seite, griff nach dem Becher und kippte den Inhalt in sich hinein. Was dann folgte, würde sie so schnell nicht vergessen.
Kapitel 10 - Botschafter der Dörfer
»Genommen?« Lythande legte ihre Stirn in Falten und wartete, bis die Schamanin weitersprach. Es war nicht schwer gewesen, die junge Frau als die Wichtigste der Gruppe zu erkennen. Die restlichen sechs schienen alle alt, ausgezehrt und abgehärtet. Ihre Gesichter vom Wetter gegerbt und die Kleidung so, wie man sie von einfachen Bauersleuten erwarten konnte. Abgenutzt, aber weder schmierig noch dreckig. Beschädigt, aber voller Stolz geflickt. Ihnen mochte das Geld für Neues fehlen, aber nicht die Ehre, um das, was sie besaßen, selbstbewusst zu tragen. Sie lebten kein einfaches Leben. Schon gar nicht hier draußen im Vargenforst.
Dazu musste Lythande keine Details wissen. Oft genug waren ihr Dörfler über den Weg gelaufen. Und die Geschichten über den Vargenforst waren weit über die Grenzen Balturias hinaus bekannt. Jene, die sich hier durchsetzten und überlebten, waren hart und unbeugsam. Hier draußen gab es niemanden, der ihnen zu Hilfe kam. Weder die Wachen der großen Städte noch die Magistraten verirrten sich hierher. Es sei denn, es war an der Zeit, Steuern einzutreiben. Hier draußen, in dem, was die Einwohner Valstadts oder wohl auch von Furtwacht sicherlich als die Wildnis titulierten, fanden sich keine Heiler, keine Medizinare oder Kräutermischer. Gelehrte kamen hier nur vorbei, wenn sie auf der Durchreise waren oder sich damit brüsten wollten, eine Zeit ihres Lebens Hinterwäldler beobachtet zu haben. Ohne daran zu denken, dass die eigentlichen Hinterwäldler – jene, die hinter dem Wald lebten - sie selbst waren.
Hier draußen, abseits dessen, was sich Zivilisation schimpfte, waren es Hexen, Waldfrauen oder Schamanen, die den Einwohnern mit Rat, Tat und vor allem viel Wissen über Körper und Geist zur Seite standen.
Meist alte Frauen. Aber manchmal, und dafür bewunderte Lythande die Frau, ohne etwas über sie zu wissen, fanden sich auch junge. So wie diese. Entweder eine begnadete Scharlatanin oder eine wirklich Wissende. Sonst wäre sie von den Dörflern längst verjagt oder verbannt worden, oder was man sonst in dieser Region mit Unliebsamen Quacksalbern tat.
Die junge Frau nickte. »Die Wesen kamen nach Einbruch der Dunkelheit.«
Lythande rätselte, wie spät es jetzt sein mochte. Ein Blick durch das nächstgelegene Fenster offenbarte undurchdringliche Schwärze. Aber was sagte das schon aus? In den dunklen Tagen, wenn sich das Jahr dem Ende zuneigte, wurde es früh dunkel und spät am nächsten Tag wieder hell. Wenn überhaupt. Denn die Sonne versteckte sich meist hinter Wolken. Ganz zu schweigen vom dichten Laubdach des Waldes.
»Ginge es etwas genauer?«, fragte Tenpenny neben ihr. Die Justik überraschte Lythande damit erneut. Sie schien einen Blick fürs Detail zu haben. Zumindest aber für das, was in ihr vorging. Oder sie war einfach neugierig.
Die Schamanin schien zu überlegen. »Ein Kerzenring, nachdem die Sonne unterging. Kurz, nachdem der Regen so stark einsetzte, dass niemand mehr sich draußen aufhielt.«
»Ihr messt die Zeit noch in …«
Tenpenny klopfte ihr unter dem Tisch auf den Oberschenkel. »Uhren sind in den Walddörfern ein unbezahlbares Luxusgut. Und Sonnenuhren machen zwischen den Bäumen keinen Sinn.«
Lythande seufzte. »Ich habe ja gewusst, dass Balturia abgelegene Gegenden besitzt«, flüsterte sie. »Gerade deswegen bin ich hergekommen. Aber dass es hier so am Arsch der Welt ist, kommt selbst für mich überraschend. Und ich wurde in einem Kaff geboren, wo sich nicht mal Fuchs und Hase gute Nacht sagen, weil sie dort nicht hinfinden.«
»Der Vargenforst ist etwas Besonderes.«
Lythande wandte sich wieder der Schamanin zu. »Also würde ich mal sagen, es war so gegen sechs Uhr abends. Vielleicht sieben. Kurz, bevor ich am Arsch den Abhang runtergerodelt bin.«
»Was?!« Die Schamanin riss die Augen auf und starrte sie fragend an.
»Ups«, entfuhr es Lythande, die schnell mit den Schultern zuckte. »Eine Geschichte für ein anderes Mal. Erzählt. Was genau ist geschehen?«
Jetzt war es eine der älteren Frauen am Tisch, die einen Arm angewinkelt und verbunden in einer Schlinge trug, die sich einbrachte. »Die Familien saßen im Gemeindehaus zu Tisch. Wie immer in den dunklen Tagen. Plötzlich hat es gerauscht. Wie starker Regen. Aber noch viel stärker. So wie im Frühjahr, wenn auf den Bergen das Eis schmilzt.«
»Dann hörten wir die Schreie«, warf einer der Männer ein, dessen Gesicht so zerfurcht war, dass selbst die Schluchten des naheliegenden Hrobengebirges vor Neid erblassen mussten.
»Schreie?«, fragte Lythande.
»Aus Hübenbach«, antwortete die Schamanin. Bei Gelegenheit musste Lythande sie nach ihrem Namen fragen. Es wurde langsam anstrengend, jedem am Tisch im Kopf einen Namen zuzuweisen. Schamanin und Furchengesicht ging ja noch. Aber was, wenn die anderen auch noch mitreden wollten?
»Hä?«
»Ein kleines Dorf am Schrumpelbach«, half ihr Tenpenny weiter.
Lythande hob den Zeigefinger, holte tief Luft und blickte Tenpenny fragend an. »Was?«
»Die Namensgebung erklär ich dir ein anderes Mal. Was das angeht, sind manche Regionen Balturias sehr bodenständig.«
»Okay, lassen wir die interessante Namenswahl mal beiseite.« Lythande versuchte, sich wieder zu konzentrieren, und fixierte die Schamanin. »Ist euer Gemeindehaus nicht im Dorf?«
Erst erschien die Schamanin verwirrt, bis Tenpenny Lythande wieder zu Hilfe kam. »Sie ist gerade erst hier eingetroffen.«
Die Gesichtszüge der jungen Frau erhellten sich. »Dann kannst du es ja nicht wissen. Entlang des Schrumpelbachs liegen sich Drübenstolz und Hübenbach direkt gegenüber.«
Erneut brauchte Lythande einen Moment, um das zu verarbeiten. Sie beugte sich zu Tenpenny hinab und flüsterte wieder: »Keine Uhren. Aber zwei Kuhdörfer nebeneinander.«
»Gegenüber. Durch einen Fluss getrennt. Mit einer Brücke dazwischen«, gab Tenpenny zurück. »Sie sind dort etwas speziell.«
»Das Gefühl bekomme ich auch langsam.«
Um sich selbst Zeit zu erkaufen, legte Lythande den ausgestreckten Zeigefinger erst kurz auf ihre Lippen, dann deutete sie wieder zu der älteren Frau, die zuvor gesprochen hatte und die mit zwei Männern auf der ihr gegenüberliegenden Seite des Tisches saß. »Lasst mich raten. Ihr seid also aus Drübenstolz?«
Ihr Gesicht, gezeichnet von Trauer und Furcht, schien förmlich aufzuleuchten. Für einen Augenblick, fast zu kurz, um es zu erkennen, lächelte sie. »Ja. Woher weißt du das?«
»Hui«, presste Lythande hervor, bevor sie erneut Tenpenny ins Ohr flüsterte. »Da hat sich aber wer beim Geschenk des Verstandes durch Ha´achnu´h ganz weit hinten versteckt.« Laut antwortete sie: »Intuition«, und erntete damit leere Blicke. »Jahrelange Erfahrung«, versuchte sie es erneut, und nun nickten die Frau und die drei Männer. Dann wandte sie sich zu den verbliebenen beiden Frauen und dem zwischen ihnen sitzenden bibbernden Mann, die an ihrer Seite des Tisches saßen. »Somit seid ihr aus Hübenbach.«
Die Frauen zuckten zusammen, während der Mann keinen Laut von sich gab. Eine der beiden, die von Haltung und Gesichtsausdruck her womöglich die Dorfvorsteherin sein mochte, nickte begeistert. »Ihr scheint mir eine Gelehrte zu sein.«
Die Schamanin rollte mit den Augen, während Lythande im Augenwinkel erkannte, dass Tenpenny darum rang, nicht zu grinsen.
»Fürwahr, fürwahr«, versuchte es Lythande mit einer Antwort, die niemanden verärgern sollte. Sicherheitshalber drehte sie sich wieder zur Schamanin. »Ich war bisher unhöflich und habe mich weder vorgestellt noch euch nach euren Namen gefragt. Ich bin Lythande, wandernde Kriegerin auf der Suche nach Ruhe und Frieden.«
»Asmira«, antwortete sie. »Asmira Rabante. Schamanin, Heilerin und Lehrmeisterin von Hübenbach und Drübenstolz.«
»Das Dritte stelle ich mir etwas herausfordernd vor«, murmelte Lythande gerade so laut, dass die junge Frau es verstehen konnte. Um die Frau nicht dazu zu nötigen, darauf etwas zu erwidern, sprach sie weiter. »Wir waren bei den Schreien aus Hübenbach stehen geblieben. Ich nehme an, damit war es nicht vorbei.«
Betrübt schüttelte Asmira den Kopf. »Leider nein. Damit hat es erst begonnen.«
Kapitel 19 - In der Dunkelheit
»Ist euch eigentlich klar, was für ein Glück wir haben?«, fragte Tenpenny.
»Weil ich euch zwei Knallköpfe im Gasthof kennengelernt und ihr mich in diese Kacke hier reinmanövriert habt?«
»Ich möchte widersprechen«, warf Azadius ein. »Dieses kleine Abenteuer haben wir einzig und alleine Tenpenny zu verdanken.«
»Als hättest du nein sagen können, nachdem uns die Dörfler ihr Leid geklagt haben.«
»Das tut nichts zur Sache. Du warst es, die bereitwillig unsere Hilfe angeboten hat.«
»Ihr beide kennt euch wenigstens und wusstet bereits, wie nervig ihr seid«, schoss Lythande dazwischen. »Aber ich kam ja wie die Jungfrau zum Kind.«
»Da gibt es übrigens eine Legende aus Abiria, laut der …«, setzte Azadius zu einer Antwort an.
»Halt die Klappe!«, fuhren ihn Lythande und Tenpenny gleichzeitig an.
Nicht zum ersten Mal an diesem Tag verfluchte sich Lythande selbst. »Wisst ihr beide eigentlich, dass ihr echte Landplagen seid?«
»Die dir in einer Notlage geholfen haben«, kam es unverblümt von Azadius.
»In die ich nie gekommen wäre, wenn ich nicht diesen vermaledeite Abhang runtergerutscht wäre.«
»Das ist jetzt aber wahrlich nicht unsere Schuld«, merkte Tenpenny an.
»Nein. Aber alles andere, was darauf gefolgt ist. Hättet ihr mich nicht einfach im Schlamm liegen lassen können?«
»Warst du schon immer so eine Meckerliese?«, stellte Tenpenny eine Gegenfrage, auf die Lythande entschied, keine Antwort zu geben. Allenfalls wäre in ihr sonst der Wunsch gewachsen, die beiden in dieser kackdunklen Höhle zu verlieren. Gerade, als sie diesen Gedanken formulierte, knallte ihr Kopf gegen einen Stalaktiten, der von der Decke herab ragte und den sie nicht rechtzeitig gesehen hatte.
»Autsch!«, entfuhr es ihr.
»Ups«, raunte Azadius. »Hätte ich dir sagen sollen, dass du da auf einen Vorsprung zugehst?«
»Ne.« Lythande rieb sich die pochende Stelle an der Stirn. »Ich laufe aus reiner Freude immer wieder gegen Steine. Das gibt mir das Gefühl, lebendig zu sein.«
»Schon irgendwie doof, wenn man keine Dunkelsicht hat«, drang es aus Hüfthöhe zu ihr herauf. Ein Hinweis auf ihre eingeschränkte Dämmersicht, den sich Tenpenny hörbar nicht verkneifen konnte. Genauso wie das leise Kichern, das der Aussage folgte.
»Ich hätte dich weiter brennen lassen sollen«, knurrte Lythande. »Dann gäbe es genug Restlicht, damit ich alles klar sehen würde.«
»Da ist heute aber wer mit dem falschen Fuß aufgestanden«, schien sich Azadius bemüßigt zu fühlen, auch etwas beizutragen.
»Der Fuß war schon der richtige«, keifte Lythande ihn an. »Allerdings nicht der Arm, du Karikatur eines Magiers.«
Sobald das alles überstanden war, würde Lythande sich schleunigst auf den Weg machen. Wohin auch immer. Nur fort von den beiden. Denn mit jeder verstreichenden Minute wuchs der Verdacht in ihr, dass sie ihnen unweigerlich irgendwann den Hals umdrehen würde. Warum tat sich Arnulf die beiden an?
»Welches Glück eigentlich?«, kam Azadius unerwartet auf Tenpennys Frage zurück.
»Na, dass wir beide im Dunkeln sehen können. Kein Wunder bei einem Tiefling, aber bei mir scheint das irgendwie ein Überbleibsel meiner Verwandlungen in Katzen und andere nachtsichtige Wesen zu sein. Als Kind konnte ich das noch nicht. Da wäre ich hier wortwörtlich im Dunklen herumgetappt.«
Lythandes Hand verkrampfte sich um den Knauf ihres Schwertes, bevor ihre Hand auf eine andere Idee kam. »Ihr seid so eine unglaubliche Hilfe. Ich wüsste gar nicht, was ich ohne euch machen sollte.«
»Mit gebrochenem Arm im Morast liegen?«, schlug Tenpenny vor.
»Wenn ich gewusst hätte, was hinter der Wand auf mich lauert, hätte ich darauf geachtet, mit dem Kopf voran einzuschlagen.«
»Hmm.« Azadius klang nachdenklich. »Ich befürchte, ich kenne keinen Trank oder Spruch, der helfen würde, einen Kopf nachwachsen zu lassen.«
»Bewahre!« Lythande riss beide Arme schützend hoch. »Bei deinen Heilfähigkeiten hätte ich dann jetzt sicherlich den Kopf eines Pferdes. Oder eines Molchs.«
»Würdest du dann weniger rumjammern?«, wollte Tenpenny wissen.
»Wer jammert hier?« Lythande kniff die Augen zusammen. Eine Reaktion, die ihr in dieser Umgebung, wo sie kaum mehr als Schemen wahrnehmen konnte, im selben Augenblick lächerlich vorkam.
»Du?«
»Nein!« Lythande riss den Arm hoch, wissend, dass die beiden anderen es wie am helllichten Tag sehen konnten. »Seid still.«
»Hä?«, kam es von Azadius.
»Schnauze!«, fauchte Lythande unterdrückt, die nun ihre Augen schloss, um sich bestmöglich konzentrieren zu können. »Ich höre etwas.«
»Ich nicht«, kommentierte Azadius.
»Nö, keinen Laut«, sagte Tenpenny.
»Ich auch nicht, wenn ihr weiter plappert. Könnt ihr einfach mal den Rand halten?«
Endlich trat Stille ein. Lythande atmete aus. Langsam drehte sie den Kopf von links nach rechts und wieder zurück. Mit geschlossenen Augen, die Arme locker an der Seite hängend und so entspannt, wie sie es in dieser Situation sein konnte, lauschte sie. Ihre Dämmersicht mochte in der Schwärze der Höhle keine Hilfe sein. Aber auf ihre Ohren war Verlass. Luchsohren hatte es Dhub´ra genannt. Sie hatte Kämpfe in völliger Dunkelheit bestritten, nur indem sie auf die Geräusche ihrer Gegner achtete. Eine Fähigkeit, die nur wenige Schattenelfen besaßen. Und bei kaum einem war sie so ausgeprägt wie bei ihr. Zumindest, wenn sie sich konzentrieren konnte und nicht ständig das Geschnatter irgendwelcher Quälgeister um sich hatte.
Es brauchte einige ruhige Atemzüge, bis sie die Umgebungsgeräusche herausfiltern konnte. Das unterdrückte Luftholen ihrer Begleiter. Das Rascheln ihrer Kleidung. Der Wind, der leise an ihr vorbeistreifte, genauso wie das Fallen des Regens im Wald. Da ein schwaches Klicken eines herumkullernden Steines. Dort ein Wassertropfen, der in eine Pfütze platschte.
Dann fand sie, was sie zuvor nur im Unterbewusstsein erfasst hatte.
Kinderstimmen. Verängstigt. Vorsichtig flüsternd.
Schwere Schritte von zwei Beinpaaren. Schmatzend, feucht. Nicht vom felsigen Untergrund, sondern von den blanken Fußsohlen, die aufgesetzt wurden.
Gutturales Knurren wie als Antwort auf eine lauter werdende Kinderstimme. Keine Worte. Sondern eine Mischung aus Grunzen und Rülpsen. Wie aus einer Kehle, die nicht dafür geschaffen war, Worte zu äußern.
Dann der Schlag von etwas Feucht-Fleischigem auf schleimige Haut.
Kinder, die weinten. Ängstlich schrien.
Das Knurren wuchs an. Zu etwas, das nur ein Schrei sein konnte. Wütend. Laut. Drohend.
Ein Kind quiekte.
Andere brüllten ängstlich auf.
Wimmerten.
Darunter irgendetwas Schleifendes. Wie Schuppen, die sich über Stein bewegten.
»Scheiße!«, zischte Lythande. »Das eskaliert gleich.«
»Was?«, bohrte Tenpenny nach.
Lythandes Hände zogen Schwert und Schild, während sie sich angriffsbereit vorbeugte. »Da vorne. Gut hundert Schritte entfernt. Zwei Wachen. Ich vermute Dhagul. Sie grunzen nur. Dazu die Kinder. Sie sind in Panik.«
Lythande wollte schon losstürmen, da wurde das Schleifen deutlicher, ebenso wie die Kinderstimmen.
»Nein«, korrigierte sie ihre vorherige Aussage. »Das ist nicht nur Panik. Sie fürchten um ihr Leben. Da ist etwas. Nicht nur die Wachen. Etwas Gefährlicheres.«
»Was tun wir?«, wollte Tenpenny wissen.
»Ihr beiden nichts«, wies Lythande sie an. »Bomben können wir hier drinnen nicht verwenden. Zeit für eine Verwandlung haben wir auch nicht.«
»Meine Dolche …«, unterbrach Tenpenny sie.
»Wirst du in diesem engen Raum nicht zum Einsatz bringen können. Ihr könnt mir folgen. Aber haltet Abstand. Kümmert euch um die Kinder, wenn wir da vorne sind. Die Ungetüme überlasst ihr mir.«
Dann rannte sie los, ohne darauf zu warten, ob oder wie ihre Begleiter antworteten. Ihre Instinkte leiteten sie. So wie vor rund sechs Monaten in Laghairt, als sie alles zunichtegemacht hatte, wofür sie jahrelang trainiert hatte. Wohin sie das gebracht hatte, wusste Lythande.
Aber es gab Momente und Ereignisse, in denen sie nicht einfach innehalten und schon gar nicht wegsehen konnte. Ungerechtigkeit gegen Hilflose oder solche, die sich nicht wehren durften. Gewalt, die auf Wehrlose oder Schwache abzielte. Sie wollte weg von alldem. Vom Kampf, vom Blut, vom Tod. Doch nicht, wenn es bedeutete, Kinder ihrem Schicksal zu überlassen.
Nein! Niemals!
Es war ihr egal, dass ihre Stiefel auf dem feuchtnassen Höhlenboden klatschende Geräusche erzeugten und immer wieder Steine fortkickten, die laut hallend gegen die Wände knallten. Sollten die da vorne doch wissen, dass sie kam. Ihre Klinge und ihr Schild hatten es schon mit anderen Gegnern aufgenommen. Auch, wenn sie keine Ahnung hatte, was hinter der nächsten Biegung auf sie warten mochte.
Weitere Dhagul und Traghul? Vielleicht sogar Vlarden? Oder Wesen, die ihr wirklich das Wasser reichen konnten? Denn wegen dem, was sich ihr bisher entgegenstellt hatte, machte sie sich keine Sorgen. Ganz im Gegensatz zur Enge der Höhle. Die kam ihr bei ihren annähernd zwei Metern Körpergröße kaum entgegen. Wie sie zuvor mit den Ecken und Kanten bereits schmerzhaft hatte feststellen müssen. Auch jetzt sah sie bestenfalls Schemen, die jedoch mit jedem Schritt deutlicher wurden. Von vorne, jenseits der Biegung, die sie langsam erkennen konnte, schimmerte Licht hervor.
Flackernd.
Wie von Feuer.
Kein Tageslicht.
Woher auch? Sie waren tief unter der Erde.
Die Stimmen wurden deutlicher.
Vor ihr schrien Kinder.
So laut, dass es von den Wänden widerhallte und in ihren Ohren klingelte. Hinter sich vernahm sie Fußgetrappel. Offensichtlich ließen sich die zwei nicht abhalten. Irgendwie schien sich der Selbsterhaltungstrieb ihrer Begleiter in Grenzen zu halten. Oder sie bewegte ähnliches wie Lythande selbst. Die Abscheu davor, im Angesicht von Ungerechtigkeit und Gewalt einfach abzuwarten und nichts zu tun. Blieb nur zu hoffen, dass ihr die beiden nicht mehr Probleme bereiteten als Hilfe brachten. Denn dass die Justik und der Syvent da draußen keinen Schaden erlitten hatten, war mehr glücklicher Fügung oder einem Wunder zuzuweisen denn irgendeiner Fähigkeit oder gar Erfahrung.
Lythande hoffte, am Ende nicht an zwei Fronten Leben retten zu müssen.
Endlich erreichte sie die Biegung. Ohne innezuhalten, schlitterte sie um die Ecke.
»Parghastkacke!«, entfuhr es ihr langgezogen. Ihre linke Schulter knallte gegen den rauen Fels. Stark genug, um es zu spüren, aber nicht so brutal, dass es sie stoppen konnte. Ihre Beine dagegen schlugen irgendwie eine andere Richtung ein als ihr Oberkörper. Ihre Füße rutschten geradeaus, während der Rest fieberhaft versuchte, um die Kurve zu kommen. Unweigerlich erinnerte sie sich an einen Moment im Wald, der noch nicht so lange zurücklag. Ihr Hinterteil näherte sich schlagartig dem feuchtkalten Boden, klatschte lautstark in eine Pfütze, die wie für sie geschaffen schien, und glitten dann weiter. Bevor sie überhaupt dazu kam, ihre Lageänderung vollständig zu verarbeiten, kippte sie endgültig hinterrücks um und registrierte, dass der Boden nach der Biegung nicht nur glitschig, sondern auch abschüssig war.
»Vorsicht!«, hörte sie Tenpennys zurückfallende Stimme. »Da geht es abwärts.«
»Nicht hilfreich!«, war alles, was Lythande zustande brachte.
Dank Schwert und Schild hatte sie keine Hand frei, um sich an irgendetwas festzuhalten.
Aber zumindest schien der Krach, den sie bei ihrem Sturz und der Abfahrt erzeugte, ausreichend, um diejenigen, die sie am unteren Ende erwarteten, kurzfristig aus dem Konzept zu bringen. Die schrillen Schreie der Kinder wurden leiser und zurückhaltender. Während eine gutturale, irgendwie kratzig-feuchte und männliche Stimme laut brüllte: »Was zum Henker ist da oben los?!«
Dann weitete sich der Tunnel und Lythande raste in eine Kaverne, die von unzähligen Fackeln hell erleuchtet war. Ihre sekundären Augenlider schlossen sich, um sie vor dem plötzlichen Übergang vom Dunkel ins Helle zu schützen. Durch die halbtransparenten Häute konnte sie genauso klar sehen wie ohne diese, nur dämpften sie das plötzliche grelle Flackern der Feuer. Genug, damit Lythande ihre Umgebung aufnehmen konnte.
Vor ihr lag eine Kante, an der links und rechts Stufen nach unten führten.
An sich eine gute Sache. Wäre da nicht das kleine Problem ihrer Körpermasse und der Schwerkraft gewesen, die sie unaufhaltsam geradeaus bewegten.
Bereits in den ersten Tagen der Ausbildung in Laghairt hatte Klingenmeisterin Dhub´ra allen Novizinnen drei Regeln eingebläut.
Erstens: Wer einen Gegner überraschen will, brüllt nicht herum.
Zweitens: Wer einen Gegner von hinten niederstrecken will, achtet darauf, leise zu sein.
Drittens: Wer als Stridsmorgin überleben will, gibt nur absolut unabdingbare Laute von sich.
Ob es daran lag, dass die Stridsmorgin auch als die Leisetötenden bekannt waren, oder einfach darauf fußte, dass Dhub´ra eine beinahe allergische Abneigung gegen Kinderstimmen hatte, wurde nie abschließend geklärt. Auf jeden Fall hätte sich die Klingenmeisterin in diesem Augenblick mit sehr großer Wahrscheinlichkeit aus reiner Fremdscham in ihr eigenes Schwert gestürzt.
Denn Lythande raste, ihr Brustpanzer und die Schulterschützer scheppernd wie aneinanderschlagende Töpfe, über die Steinkante hinaus. Die Gegner mussten sich fragen, was für eine wie irre brüllende Furie da aus dem Tunnel herausflog und sich dabei um die eigene Achse drehte.
Wobei ihr Flug nicht von langer Dauer war.
Sekundenbruchteile, bevor sie in dem schlüpfrigen, schuppigen Hindernis einschlug, begann ihr rechter Arm zu kribbeln. So heftig, als liefen Tausende Feuerameisen darüber. Zeit, dem auf den Grund zu gehen, fand Lythande nicht. Sie klatschte gegen etwas, das sich weich, ledrig und zugleich sehr robust anfühlte. Es gab ein wenig nach und zischte, während sie daran herunterrutschte und auf dem Boden landete.
Ihr Blick wanderte nach oben, während um sie herum neue Schreie aufbrandeten.
»Tötet sie!«, brüllte die männliche Stimme von vorhin.
Zig Kinder kreischten auf. Erschrocken, überrascht, aber vor allem vor Furcht.
Mehrere feuchte Grunzlaute folgten dem Befehl.
»Bei Sambria, das Ding ist groß!«, drang Tenpennys überraschter Ruf an ihr Ohr.
»Ich glaub, ich lass es doch wieder krachen«, kam es etwas leiser, aber mit bebender Stimme von Azadius.
Lythande erkannte endlich, wogegen sie geprallt war. Da erwachte in ihr der Wunsch, irgendwo anders zu sein.


